Kein Freibier!
"If you have an apple and I have an apple and we exchange
apples
then you and I will still each have one apple. But
if you have an
idea and I have an idea and we exchange
these ideas, then each of
us will have two ideas."
-- George Bernard Shaw
Worum es mir geht, fragen Sie? Ach, ich will Ihnen etwas zeigen: Schlagen
Sie mal dieses kleine Fremdwörterbuch dort auf; "P" wie
"pervers"! Lesen Sie's vor, lesen Sie! "... krankhafte
Abweichung vom Normalen"... Was ist das Normale, was ist die Norm?
Gucken Sie mal in das andere Wörterbuch dort, da steht etwas wie
"sittliches Gebot oder Verbot als Grundlage der Rechtsordnung".
Es scheint angemessen, althergebrachte Traditionen und Werte als
Norm aufzufassen. Sie lachen! Nicht immer, natürlich nicht immer.
Aber immer da, wo sie uns weiterbringen. Welche Tradition fragen sie?
Dazu komme ich später.
Um eine Perversion zu sein, muß unsere Abweichung von der Norm auch noch
krankhaft sein. Hey, nutzen Sie das Internet? Schauen wir mal in unsere
freie Online-Enzyklopädie -- das ist kein guter Recherchestil, reicht
uns aber gerade aus. Unter einer Krankheit wird gemeinhin eine
"Störung der körperlichen, geistigen und/oder seelischen
Funktion" eines Lebewesens verstanden, die dessen
"Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden [...] wahrnehmbar negativ
beeinflußt oder eine solche Beeinflussung erwarten läßt."
Fällt Ihnen da etwas ein? Na klar! Husten, Schnupfen -- aber das haben
alle mal, das weicht nicht von der Norm ab.
Worauf will ich hinaus, fragen Sie. Nun, Sie müssen wissen, ich habe
in den vergangenen Jahren etwas genutzt, was ich immer als ein Gemeingut
verstand: Informationen, Bildung. Eltern und Bekannte haben mir Dinge
erzählt, ich habe sie aufgenommen, ausprobiert, und weitergegeben.
Ich bin in die Schule gegangen und die Lehrer waren glücklich, wenn sich
jemand am Unterricht beteiligte -- gelehrt wurde unabhängig davon. In den
Bibliotheken kann ich lesen, ausleihen und kopieren; ein 10-semestriges
Studium war mir ebenfalls möglich. Wirklich bemerkenswert
ist, daß ich damit kein Einzelfall bin. Auch Sie haben Freie
Bildung genossen, auch sie nutzen die Freien Zugangsmöglichkeiten
zu Informationen, wie wir sie heute haben.
Wie? Nein, ich spreche gern in Großbuchstaben. Das ist so
schön deutlich. Sie glauben gar nicht, wie mit dem Begriff
"Freiheit" rumgesaut wird. Zigaretten werden damit verkauft.
Und Hygieneartikel. Aber darum geht es hier nicht. Es geht weder um geschickte
Werbung noch um Freibier. Freier Zugang zu Informationen ist wichtig! Ich
muß das als einen Eigennamen verwenden, weil es... nein, eigentlich
kann das nicht sein, das wäre pervers.
Sind Sie Christ? Augustinus bemerkte bereits vor über eineinhalb
Jahrtausenden, daß "jede Sache, die durch die Weitergabe an
andere nicht verliert, nicht richtig besessen wird, solange man sie nicht
weitergibt". Wie, Sie sind kein Christ? Ich auch nicht. Ich soll
Sie damit in Ruhe lassen? Ja, ja, tue ich ja, aber inhaltlich werden Sie
dem Satz doch wohl zustimmen? Es wäre eine Art Verbrechen gegen die
Menschheit, anderer Meinung zu sein. Übrigens
sind wir jetzt wieder bei der althergebrachten Tradition von vorhin.
Nie hätte sich unsere Spezies, unsere Kultur so schnell und so weit
entwickeln können, gäbe es die Freie Bildung nicht. Bildung
darf ihre Genießer nichts kosten, weil diejenigen, für die sie am
wichtigsten ist, die "Ungebildeten", keine Kosten bestreiten
können. Vielmehr ist es die Pflicht einer Generation, ihr Wissen an die
darauffolgenden Generationen weiterzugeben. Mehr noch: Es ist die Pflicht
eines beliebigen Bevölkerungsteiles, sein Wissen, seine Erfahrung
mit dem Rest der Welt zu teilen. Keine Population höherentwickelter
Lebewesen kommt ohne so ein Bildungssystem aus. Wir Menschen, die wir mehr
informationelle Reichtümer angehäuft haben als alle anderen Spezies,
sind erst recht darauf angewiesen.
Der Verlust der Freien Bildung würde uns
schwächen, würde uns und unsere ganze Zivilisation gewaltig in
unserer Leistungsfähigkeit einschränken. Gucken Sie nicht so
verstört, ich komme ja gleich zum Punkt: Wissen Sie, was wirklich
pervers ist? Da gibt es gar nicht so viel, der Begriff der
"Unfreien Bildung" ist es aber ganz bestimmt. Was nehmen wir uns
eigentlich heraus, die Einführung von Studiengebühren überhaupt
zu erwägen?
Studenten verfügen selber über keine finanziellen Mittel. Woher
sollten sie die auch haben? In der Regel haben sie noch nicht viel bezahlte
Arbeit geleistet. Ihre Eltern kommen für ihren Unterhalt auf. Ihre
Eltern finanzieren über Steuergelder die Einrichtung und den Betrieb
von staatlichen Bildungseinrichtungen. Das müssen sie auch, denn
sie stehen in der Pflicht, ihr Wissen weiterzugeben. Auch privat sind sie
dieser Pflicht bereits zwanzig Jahre lang nachgekommen. Warum sollte nun also
irgend wer für die Nutzung des Bildungssystems nochmals zur Kasse
gebeten werden? Wie können wir, die wir selbst die Angebote eines
Freien Bildungssystems genutzt haben, über eine
Verkommerzialisierung dieses
Systems nachdenken? Wohlgemerkt, eine Verkommerzialisierung auf Kosten der
Zukunft unserer Gesellschaft!
Wissen Sie, warum ich nicht die inzwischen
übliche Redewendung des "Konsumierens von Bildung" verwende?
Weil Bildung nicht "verbraucht" werden kann, sie wird einfach nicht
weniger dadurch, daß man sie weitergibt. Sie wird mehr.