"Privacy is the right to be let alone." -- Thomas M. Cooley
Vorbemerkungen
Erinnerungen sind eine unglaublich wichtige Sache für unsere Gesellschaft.
Sie ermöglichen uns eine zügige Evolution unserer Gedankenwelt, ja,
sie ermöglichen uns überhaupt erst zu denken und zukünftige
Handlungen auf frühere Erfahrungen aufzubauen. Doch Erinnerungen sind
flüchtig. Wir können vergessen -- übrigens eine, in mancherlei
Hinsicht ebenso überlebenswichtige Fähigkeit wie das Erinnern
selbst.
Entsprechend unserer Natur haben wir natürlich technische Hilfsmittel
entwickelt, die uns das Erinnern erleichtern: Wir zeichnen Bilder, schreiben
lange Texte oder schießen Photos. Diese technischen Hilfsmittel dienen
immer dazu, unsere Erinnerungen an ein stoffliches nichtflüchtiges
Trägermedium zu binden. Bis vor etwa eineinhalb Jahrzehnten waren diese
Trägermedien auch sehr gut handhabbar, jedoch alles andere als wirklich
nichtflüchtig. Auch wenn Hölenzeichnungen ein paar
Jahrtausende überdauern können, sind sie doch letztlich der Erosion
ausgesetzt. Auch wenn Photos und papierne Dokumente unter
geeigneten Bedingungen eine erstaunlich hohe Haltbarkeit haben und gut
reproduzierbar sind, werden sie am Ende doch zerfallen. Etwas ungeeigneter
für die langzeitige Aufbewahrung von Erinnerungen erwiesen sich die
Medien der jüngsten Vergangenheit. Magnetische und optische Medien
erreichen nicht annähernd die Haltbarkeit vergangener Zeiten.
Trotzdem haben alle diese Medien eine für uns ganz unglaublich
vorteilhafte Eigenschaft: Man kann den Zugriff auf die gespeicherten
Erinnerungen mit relativ einfachen physischen Mitteln regeln.
Bis vor eineinhalb Jahrzehnten hatte unsere Gesellschaft noch kein
kollektives Gedächtnis, wie es heutzutage das Internet darstellt.
Das Internet hat eine ganz einfache Regel. Alles, was jemals in ihm landet
wird es nie wieder verlassen. Auch wenn die ursprüngliche Web-Seite
nicht mehr existiert, wird irgendwo in den dezentralen Weiten des Netzes
eine Kopie überdauern. Auch wenn Naturkatastrophen und Kriege unsere
Spezies fast ausrotten sollten werden die Verluste, die unser kollektives
Gedächtnis dabei erleidet gering sein. Zudem hat das Internet eine
weitere faszinierende Eigenschaft: Der Datenbestand kann jederzeit
manipuliert werden. Und das sogar verhältnismäßig preiswert.
"Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft: wer die
Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit", so eine der
Hauptparolen der Partei in George Orwells "1984".
Aber so weit sind wir noch nicht. Hoffe ich. Derzeit hat nur ein jedes
Mitglied unserer Gesellschaft eine unglaubliche Menge von Informationen zur
Verfügung.
Erstaunlicherweise finden sich darunter viele sehr private Erinnerungen.
Erstaunlicherweise sind viele dieser privaten Erinnerungen eindeutig
einer natürlichen Person zuzuordnen. Und ebenso erstaunlicherweise
haben viele dieser natürlichen Personen nicht die leiseste Ahnung davon,
daß ihre intimsten Geheimnisse von einem weltweit verfügbaren,
für jeden zugänglichen und niemals vergessenden Gedächtnis
nicht nur gespeichert sondern viel mehr verbreitet werden. Leute!
Ich meine Eure Kinder! Es ist eine Sache, den eigenen Lebenslauf ins Netz
zu stellen. Es ist etwas völlig anderes, etwas absolut unverantwortliches,
die Privatsphäre seiner Nachkommen auf alle Zeit zu ruinieren. Der
folgende Text ist nichts als Prosa. Er ist jedoch nicht
übermäßig fiktional und auch alles andere als futuristisch.
Dennoch sind alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig
aber möglicherweise beabsichtigt. Bitte werfen Sie mir deswegen kein
Doppeldenk vor.
Mementoes.
Es ist Montag Vormittag, 11:30 Uhr. Helmholtz sitzt an seinem Schreibtisch
und vergleicht die Inhalte von zwei schlichten Pappmappen. Sie enthalten
einige Papiere. Die eine vielleicht fünfzehn Seiten, die andere nur
fünf. Mißmutig gleitet Helmholtz Blick zum Fenster. Viel zu sehen
gibt es dort nicht. Im Smog kann er gerade noch die Umrisse des
Kantinengebäudes auf der anderen Seite des Innenhofes ausmachen.
In einer halben Stunde wird er die Unterlagen zuklappen, das Gebäude
verlassen und von seiner 15minütigen Mittagspause eine paar Minuten
abknapsen um eine Zigarette zu rauchen. Aber bis dahin will er noch mit den
beiden Bewerbungen auf seinem Tisch fertig werden. Er dreht den Kopf vom
Fenster weg, auf seinen Computer-Bildschirm zu. Mit einem betont nachdenklichen
Gesichtsausdruck schüttelt er den Kopf. Es war nicht gut, verträumt
aus dem Fenster zu sehen. Es war nicht gut, zulange keine
Tastaturanschläge zu machen. Man achtete darauf, daß in der
Arbeitszeit gearbeitet wurde. Zum Glück gab es draußen eh nichts
zu sehen. Smog. Im Januar. Und im Februar. Eigentlich immer.
Als es an seiner Tür klopft, versucht er eine ernste Miene aufzulegen
und ruft dem Störenfried ein nachdrückliches "Herein!"
entgegen. Der ernste Blick fällt ihm nicht leicht, insbesondere
angesichts der Bilder auf seinem Monitor: Ein nacktes Kind von zirka
zwei Jahren sitzt auf einem Topf und macht eine ziemlich gequältes
Gesicht. Könnte Helmholtz sich jetzt sehen, ihm würde sofort die
frappierende Ähnlichkeit zwischen ihm und diesem Kind auffallen. Es
war jener typische Gesichtsausdruck, der sich einem förmlich
aufdrängt, wenn man sich in in eine absolut unmögliche
Position gerückt sieht.
Die Tür wird geöffnet. Helmholtz' Blick verfinstert sich.
Ernst ist wichtig, er arbeitet schließlich in der Personalabteilung.
Laura-Sophie, eine der neuen Auszubildenden der Abteilung, tritt ein. Sie ist
ein nettes, etwas grobmotorisch wirkendes Mädchen von neunzehn
Jahren. Schnell legt sie ihrem Vorgesetzten ein paar farbenfrohe
Kunststoffmappen auf den Tisch, haucht ein schüchternes
"Bitteschön!" und verläßt den Raum. Sie macht
ihre Arbeit gut, denkt sich Helmholtz. Sie spricht nicht viel, stellt
dementsprechend auch wenig Fragen und war noch nie länger als zwei
Tage krank. Nur ein einziges mal im Alter von drei Jahren. Da hatte sie
irgendeine Entzündung im Unterleib und war infolgedessen jetzt
vermutlich steril -- eine der wenigen Sachen, die Helmholtz nicht mit
Gewißheit herausbekommen hatte. Er selbst hatte sie aufgrund dieser
Präferenzen aus über 50 Mitbewerberinnen ausgewählt. Er hatte
umfangreiche Recherchen über jeden einzelnen Bewerber angestellt und
sich bei den Geeignetsten in einem kurzen Bewerbungsgespräch von der
Richtigkeit seiner Einschätzung überzeugt. Tatsächlich kam es
immer noch vor, daß Bewerber ihn in Bezug auf ihre Religion, ihre
Kinderwünsche oder ihre Krankheitsgeschichte zu belügen versuchten.
Ausgerechnet ihn, ihn der doch fast alles wußte und dafür bezahlt
wurde, alles weitere herauszufinden. Gerade deswegen war der ernste Blick so
wichtig.
Helmholtz klopfte sich in Gedanken auf die Schulter und setzte seine
Arbeit fort. Er tippte den Namen des Bewerbers mit der vielseitigen
Bewerbungsmappe ein. Es ging um eine neu zu besetzende Stelle als
Abteilungsleiter in der Werkstoffprüfung. Mit leichtem Ekel
läßt er den Begriff einen Moment durch seine Gedankenwelt
kreisen. Er mochte diese Worte, diese komplizierten Berufsbezeichnungen nicht.
Die Bewerber für solche Berufe waren immer älter als er und viel zu
oft war es schwierig bis unmöglich, ihren sozialen Hintergrund zu
recherchieren. Dieser Robert Peters hier würde sicher ein klassisches
Beispiel dafür sein. Er betätigte eine Taste und sah einen kleinen
Stern einige Sekunden um das Logo seiner Firma kreisen. Einen Moment
später bekam er die Ergebnisse einer umfangreichen Datenbank- und
Internet-Recherche präsentiert: Ein paar tausend Treffer.
Zeitschriftenartikel, Fachvorträge und Beiträge in Internet-Foren.
Unwichtiges fachliches Geschwafel. Aufgrund von so etwas konnte man doch
niemanden einstellen. Er haßte diese Leute. Er wollte nur ein paar
ganz einfache Fragen beantwortet haben. Welche Kinderkrankheiten hatte Peters,
was tat er in seiner Freizeit? Er wußte ja nicht einmal, in welchem Alter
dieser Peters laufen und sprechen gelernt hatte.
Das Schlimmste aber war, daß der derzeitige Leiter der Werkstoffprüfung Peters empfohlen hatte. Helmholtz knirschte mit den Zähnen. Empfehlungen haßte er nämlich auch. Bis heute hatte er nicht verstanden, was all die Angestellten außerhalb seiner Abteilung eigentlich taten und es war ihm auch völlig egal; und doch beeinflußte es seine Arbeit. Empfehlungen aus den einzelnen Abteilungen konnte er beispielsweise einfach ignorieren. Aber wenn er es tat, würde er jemandem, der absolut gar kein Verständnis für die Wichtigkeit seiner Arbeit hatte, erklären müssen, warum er so entschieden hatte.
Mißmutig schlägt Helmholtz die zweite Pappmappe auf. Eine erfreulich kurze Bewerbung. Helmholtz blättert einige Augenblicke in den wenigen Seiten herum. Der Bewerber, ein Stefan Sommer, war 35 und damit kaum älter als er selbst. Er hatte studiert, irgendwo gearbeitet und fühlte sich offensichtlich zu Höherem berufen. Immerhin hatte er noch nicht soviel Erfahrung im Arbeiten, als daß er ein zu großes Risiko für den Betrieb darstellen könnte. Helmholtz überflog Lebenslauf und Zeugnisse -- alles war sehr geradlinig abgelaufen, jedoch wenig geradlinig aufgeschrieben worden. Aber was macht das schon? Er gab den Namen und das Geburtsdatum in die Suchmaske ein. Sommer hatte sich offensichtlich bereits bei anderen Unternehmen beworben.